Ruhender Dschungel
Als der Busch sich teilte, trat ein Mann aus dem Dschungel. Sein teurer Designeranzug war dunkelblau. Über dem weißen Hemd darunter trug er eine schwarze Krawatte. Er stellte sich mit starrem Blick genau zwischen das Bushalteschild und den Mann mit dem Strohhut. Der Himmel war bewölkt, vielleicht würde es am Nachmittag Regen geben.
„Spät dran“, murmelte der Mann im Anzug.
„Sie sind nicht aus dem Dorf“, sagte der Mann mit dem Strohhut. Ein unmerkliches Lächeln huschte für einen Moment über sein Gesicht.
„Nein, ich komme aus dem Industriegebiet an der Küste, muss aber jetzt zur Fabrik hier im Inneren.“
„Die Leute gehen zur Fabrik. Die Leute kommen von der Fabrik. Ein ewiges hin und her.“ Der Strohhut des Mannes rutschte ein wenig, doch es schien ihn nicht zu kümmern.
„Warum nehmt ihr sie nicht gleich jeder mit euch und erspart euch den Weg, über den ihr euch alle unaufhörlich beschwert?“
Der Mann im Anzug hatte die ganze Zeit nur geradeaus ins Leere geblickt, doch jetzt wandte er sich dem anderen Mann zu.
„Wie meinen?“
„Haben sie schon gehört? Die Menschen im Dorf suchen fieberhaft nach ihrem Baku.“
„Ich verstehe nicht…“
„Sie wissen ja, der Baku erscheint nachts in Dörfern und ernährt sich von schlechten Träumen. Die Leute sprechen ihn deshalb heilig.“ Dieses Mal lächelte der Strohhutmann länger.
„Wissen Sie“, sagte der Mann im Anzug und sah dabei auf seine Armbanduhr, „solche Mythen erfüllen Kleingeister, aber ich hingegen habe gleich ein wichtiges Meeting.“ Erneuter Blick auf die Uhr.
„Wann kommt denn nun der Bus?“, fragte er. „Die Linie 19 zur Fabrik, meine ich.“
Der Mann mit dem Strohhut schien seine Sandalen zu beobachten. Es waren einfache Sandalen, aus Leder vielleicht.
„Das Interessante ist ja, dass die Menschen im Dorf nun in der Nacht mit Laternen verzweifelt nach dem Baku suchen. Da denke ich mir doch, jetzt wo sie nachts ohnehin nicht mehr schlafen, brauchen sie da dann noch den Baku?“
Der Mann im Anzug sah sich zu beiden Richtungen der lehmigen Straße um.
„Ich bin spät dran. Und der Bus offenbar ebenfalls. Wann kommt er denn? Können Sie mir das sagen, Mann?“
„Vielleicht“, brummte der Strohhutmann, „hat sich der Baku versteckt. Vielleicht wurde es ihm zu viel. Vielleicht möchte er den Menschen damit etwas sagen. Das klingt doch klug, nicht?“
Der Mann im Anzug seufzte und winkte ab. Offenbar gab er auf. Er sah wieder zur gegenüberliegenden grünen Wand aus Büschen und Bäumen.
Der andere Mann nahm kurz seinen Strohhut ab, entblößte sein kurzes braunes Haar, begutachtete seinen Hut einen Moment lang und setzte ihn anschließend wieder auf.
„Die Linie 19 fährt heute nicht“, sagte er. „Der Busfahrer hat heute Nacht bei der Suche geholfen. Jetzt ist er zu erschöpft und ruht sich aus.“
Der Mann im Anzug sah ihn wieder an.
„Was?“ Er kratzte sich am Kopf. „Wie soll ich denn nun zur Fabrik kommen?“
Der Mann mit dem Strohhut gab darauf keine Antwort. Verzweifelt ließ der Mann im Anzug seinen Blick erneut umherschweifen. Dann sah er wieder auf seine Uhr. Er schüttelte den Kopf.
„Hilft wohl nichts“, murmelte er. „Ach übrigens, mit welcher Linie fahren Sie eigentlich?“
„Ich warte nur“, sagte der Mann mit dem Strohhut.
von Robin Schröder
(2008)