Pimentola - Hämärän Seppele VIII
Arte Bizarre
“Wire Whip Girl” von Littlemissfreak
“Misnomer” von Greeneyedsiren
Ruhender Dschungel
Als der Busch sich teilte, trat ein Mann aus dem Dschungel. Sein teurer Designeranzug war dunkelblau. Über dem weißen Hemd darunter trug er eine schwarze Krawatte. Er stellte sich mit starrem Blick genau zwischen das Bushalteschild und den Mann mit dem Strohhut. Der Himmel war bewölkt, vielleicht würde es am Nachmittag Regen geben.
„Spät dran“, murmelte der Mann im Anzug.
„Sie sind nicht aus dem Dorf“, sagte der Mann mit dem Strohhut. Ein unmerkliches Lächeln huschte für einen Moment über sein Gesicht.
„Nein, ich komme aus dem Industriegebiet an der Küste, muss aber jetzt zur Fabrik hier im Inneren.“
„Die Leute gehen zur Fabrik. Die Leute kommen von der Fabrik. Ein ewiges hin und her.“ Der Strohhut des Mannes rutschte ein wenig, doch es schien ihn nicht zu kümmern.
„Warum nehmt ihr sie nicht gleich jeder mit euch und erspart euch den Weg, über den ihr euch alle unaufhörlich beschwert?“
Der Mann im Anzug hatte die ganze Zeit nur geradeaus ins Leere geblickt, doch jetzt wandte er sich dem anderen Mann zu.
„Wie meinen?“
„Haben sie schon gehört? Die Menschen im Dorf suchen fieberhaft nach ihrem Baku.“
„Ich verstehe nicht…“
„Sie wissen ja, der Baku erscheint nachts in Dörfern und ernährt sich von schlechten Träumen. Die Leute sprechen ihn deshalb heilig.“ Dieses Mal lächelte der Strohhutmann länger.
„Wissen Sie“, sagte der Mann im Anzug und sah dabei auf seine Armbanduhr, „solche Mythen erfüllen Kleingeister, aber ich hingegen habe gleich ein wichtiges Meeting.“ Erneuter Blick auf die Uhr.
„Wann kommt denn nun der Bus?“, fragte er. „Die Linie 19 zur Fabrik, meine ich.“
Der Mann mit dem Strohhut schien seine Sandalen zu beobachten. Es waren einfache Sandalen, aus Leder vielleicht.
„Das Interessante ist ja, dass die Menschen im Dorf nun in der Nacht mit Laternen verzweifelt nach dem Baku suchen. Da denke ich mir doch, jetzt wo sie nachts ohnehin nicht mehr schlafen, brauchen sie da dann noch den Baku?“
Der Mann im Anzug sah sich zu beiden Richtungen der lehmigen Straße um.
„Ich bin spät dran. Und der Bus offenbar ebenfalls. Wann kommt er denn? Können Sie mir das sagen, Mann?“
„Vielleicht“, brummte der Strohhutmann, „hat sich der Baku versteckt. Vielleicht wurde es ihm zu viel. Vielleicht möchte er den Menschen damit etwas sagen. Das klingt doch klug, nicht?“
Der Mann im Anzug seufzte und winkte ab. Offenbar gab er auf. Er sah wieder zur gegenüberliegenden grünen Wand aus Büschen und Bäumen.
Der andere Mann nahm kurz seinen Strohhut ab, entblößte sein kurzes braunes Haar, begutachtete seinen Hut einen Moment lang und setzte ihn anschließend wieder auf.
„Die Linie 19 fährt heute nicht“, sagte er. „Der Busfahrer hat heute Nacht bei der Suche geholfen. Jetzt ist er zu erschöpft und ruht sich aus.“
Der Mann im Anzug sah ihn wieder an.
„Was?“ Er kratzte sich am Kopf. „Wie soll ich denn nun zur Fabrik kommen?“
Der Mann mit dem Strohhut gab darauf keine Antwort. Verzweifelt ließ der Mann im Anzug seinen Blick erneut umherschweifen. Dann sah er wieder auf seine Uhr. Er schüttelte den Kopf.
„Hilft wohl nichts“, murmelte er. „Ach übrigens, mit welcher Linie fahren Sie eigentlich?“
„Ich warte nur“, sagte der Mann mit dem Strohhut.
von Robin Schröder
(2008)
“Obein” von Xochitl
Venetian Snares - Szamár Madár
Unbetiteltes Kunstwerk des polnischen Surrealisten Zdzislaw Beksinski (1929 - 2005), Entstehungsdatum unbekannt
Inside Gustav Klimt
“Penguin” von Dear-Ambellina
“The City” von Paperboogie
“Garden” von x-Marionette-x
Fremd in der Stube
Er solle doch auch etwas nehmen, hatten sie gesagt. Zugleich sei ihrem Wunsch genüge getan, besetzte er den freien Stuhl, der ihm dargeboten worden war. Ein Platz an einem Gelage, das der Niederwelt mit ihren zahllosen Abscheulichkeiten würdig wäre, nicht aber einem so stattlichen Mann, wie er einer war. Offenbar blieb diese Tatsache vor ihren Augen verborgen, welche ihre Blicke ohnehin nur auf den scheinbaren Genuss, auf die Täuschung der wohlschmeckenden Speisen richteten.
Er hatte ihre Gastfreundschaft nicht abgelehnt, wohl, weil er lange in dem Glauben gelassen wurde, man begegnete ihm mit der entsprechenden Würde. Außerdem, so hatte er angenommen, stünde es mit ihnen auch nicht gerade schlecht, könne man von Bauerntölpeln oder von niederen Arbeitern nicht sprechen. Solcher Menschen bedarf es auch, keine Frage, doch hatte er die Gastfreundschaft lieber Menschen überlassen, von denen er zu wissen glaubte, sie verstünden etwas davon.
Nun, da er so abseits des Tisches in einem ledernen Sessel mit beinahe unangebrachter Bequemlichkeit saß, schien es ihm, auf einen Betrug gestoßen zu sein, auf einen widerlichen Trick, ihn hereinzulocken und gar Gefährliches mit ihm anzustellen. Was aber ihre genaue Absicht war, so konnte er es nicht sagen; schließlich machten sie kaum mehr Anstalten, ihm Beachtung zu schenken, als ihn gelegentlich zur Teilnahme am Mahl begeistern zu wollen.
Sie lächelten und tratschten nebenbei. Eine Stimmung, wie sie wohl keinesfalls unüblich bei Tische war, doch an diesem Abend und in dieser Stube erschien ihm dieses Gebaren unwirklich, ja einer Maskerade gleich, deren einziger Zweck darin bestand, ihn in eine Falle zu treiben, aus der er zu entkommen nicht mehr in der Lage sein würde.
Dies hatte er begriffen, war er doch ein kluger Kopf und ihr Täuschungsversuch auffallend leicht zu durchschauen, geradezu dilettantisch inszeniert. Doch da zwang sich alsbald die nächste Frage in seinen Geist. Sie saßen allesamt am gedeckten Tisch und er in dem Sessel von außerordentlicher Qualität. Niemand hatte die Tür abgeschlossen, niemand warf ein stetes Auge auf ihn und auch die wiederholten Einladungen hatten mehr und mehr nachgelassen, als ob man akzeptierte, dass er nicht am Abendessen, wenn man es so nennen konnte, teilhaben wollte. Wenn es also die von ihm als solche entlarvte Falle war, wieso war ihnen nahezu nichts daran gelegen, zu wissen, was er tat? Wenn er nun fliehen würde oder zum Angriff überginge, stand doch zu seiner Rechten ein Schürhaken an den Kamin gelehnt, dessen behagliche Flamme, das kleine Zimmer in ein gemütlich flackerndes Licht tauchte.
Freilich wussten sie sehr wohl, dass es sich für einen Mann seines Standes nicht geziemte, mit roher Gewalt auf feindlich gesinnte Wesen loszugehen. Noch dazu waren seine Hände mit Sicherheit nicht geschickt genug, jenes Werkzeug mit tödlicher Genauigkeit zu führen.
Ja, das wussten sie wohl. Was aber war mit der Türe, die nur verschlossen, aber nicht streng verriegelt worden war? Sie mussten annehmen, dass er, wenngleich er sich nicht auf ihre listige Natur einließ, vor Angst und Unsicherheit wie gelähmt im Sessel verharren würde, bis sie mit ihrem Essen - oder gar Fressen, so schien es ihm – abgeschlossen hatten. Ihre überhebliche Selbstsicherheit war ihm zuwider. Aber so war es doch oder nicht? Noch immer saß er in dem Sessel, dessen Gemütlichkeit ganz und gar nicht zu dieser dämonenhaften Zusammenkunft passen wollte und doch hatte er sich kein Stück fortbewegt. Sein andauerndes Grübeln und Zweifeln, sowie seine Verweigerung des Abendessens hatten ihn doch im Grunde nicht näher an sein Ziel gebracht, dieser Situation zu entkommen. Zugleich hatte es garantiert keine Steine in ihren Weg gelegt, den sie mit teuflischer Gewissheit verfolgten.
Wie er so dasaß und sein Blick die Leere des Bodens fixierte, war er noch immer Teil ihres bösartigen Kalküls. Er war noch nicht einen einzigen Schritt weitergekommen und das Mahl würde nicht ewig andauern. Als er wieder aufsah, blickte er abermals in ihre Gesichter, die ihm nun fast vollends wie unwirkliche Fratzen vorkamen. Eine freudige Glut nahm er in ihren Augen wahr, eine Begierde, die dem Essen zu gelten schien, doch in Wirklichkeit ihm galt; eine Vorfreude, die sein Schicksal in einem ungewissen, ja eigentlich in gar keinem Licht erscheinen ließ.
Ihre Kiefer bewegten sich auf und ab wie Mühlsteine, die alles unter ihnen befindliche zu zerquetschen drohten. Einen eben solchen Druck verspürte er nun mehr und mehr, je länger er hier sitzend verweilte.
Der Versuch zu entkommen drängte sich ihm auf. Da die Zeit ihm zu entrinnen drohte, schien dies die einzige Möglichkeit. Und wenn sie ihm schon nicht durch ein Schloss an der Türe, sondern durch eine andere Listigkeit, deren Ausmaß und Gestalt er bisher nicht ausmachen konnte, verwehrt bleiben sollte, so würde er den Kampf wagen müssen, wenngleich er nie zuvor zu solchen Mitteln greifen musste und daher um ihren Erfolg bangte.
Er erhob sich und machte sich auf, die Tür zu erreichen. Schritt um Schritt trieb ihn dem Ausgang näher, doch als er nur noch die Hand auszustrecken brauchte, sahen sie von ihrem Mahl auf und bedachten ihn mit verwunderten Blicken. Eines dieser Monstren fragte, ob man ihm Hilfe anbieten könne, was er denn gedenke zu tun.
Er blieb ihm eine ausführliche Antwort schuldig, brachte nur ein Pardon hervor, zweifelnd ob der Aufrichtigkeit, die in seiner zitternden Stimme sichtlich verloren ging und öffnete, von der Leichtigkeit erstaunt, die Tür, um anschließend die Stube zu verlassen und seines Weges zu gehen.von Robin Schröder (2008)
“Mysterious Cats” von Frecklefaced29
“Death Is The Road To Awe” von InertiaK